Warum prüfen wir eigentlich?

Warum prüfen wir eigentlich?

Im Internet wird von einigen momentan mal wieder die Ansicht verbreitet, ein rechter Jagdhund zeigt seine Qualitäten in der Praxis und nur in dieser – Prüfungen seien nicht nur unwichtig, mehr noch: Jagdhundehalter, die Prüfungen führen, verstünden von der Praxis nichts und machen dies nur aus „Prestigegründen“.

Daher möchte ich hier die Gelegenheit nutzen zu erklären, warum wir diesen „Prüfungszirkus“ veranstalten.

  1. Prüfungen machen einen Hund zum Jagdhund

… und das ist nicht nur eine hohle Phrase. Was einige wohl nur zu gern vergessen: Ein Jagdhund MUSS die Brauchbarkeit nachweisen können, um überhaupt – jenseits der Ausbildung – eine Pfote in die Praxis setzen zu dürfen. Es gibt da draußen zwar so einige, die das als unnötig erachten, das böse Erwachen kommt dann aber im Schadensfall. Wenn Hasso zur Hetze geschnallt wird und auf der nächsten Landstraße einen gigantischen Unfall verursacht, kommt man in arge Erklärungsnot. Und so dramatisch muss es nicht einmal sein – wer einem Böses will, kann ruckzuck eine Anzeige einreichen.

  1. Prüfungen machen Leistungen vergleichbar

Und ja, es ist einem jeden, der Hunde führt, absolut klar: Wir machen keine standardisierten Multiple-Choice-Tests mit den Hunden. Es liegt in der Natur der Dinge, dass unsere Prüfungen zahlreiche Faktoren beinhalten, die eben nicht standardisierbar sind. Wilddichte, Wildverhalten, Wind, Feuchtigkeit, Temperatur… und sicher noch zahlreiche andere Dinge, die wir gar nicht auf dem Radar haben, sind immer verschieden – sogar innerhalb einer Prüfung! Ausgebildete Richter versuchen ihr Möglichstes, die Hunde fair und objektiv zu bewerten. Und diese Bewertungen sind die Basis für die Zucht! Wer Hunde nach den Jagdgeschichten ihrer Besitzer bewertet, sollte sich mal überlegen, ob er auch die Leistungen von Kindern nach den Geschichten ihrer Eltern in Noten fassen würde: Es gäbe nur noch 1+ Schüler mit überragenden musischen, künstlerischen und sprachlichen Fähigkeiten.

  1. Prüfungen strukturieren die Ausbildung des Hundes

Die meisten Menschen arbeiten gezielter und strukturierter, wenn sie eine „Deadline“ vor Augen haben. Die verschiedenen Prüfungen, die in einer bestimmten Reihenfolge bzw. im bestimmten Alter des Hundes erfolgen müssen/sollen, geben dem Training Struktur und Halt. Der Hundeführer kann die kommenden Fächer gezielt vorbereiten und hat durch die Prüfungen die Möglichkeit, die Leistung seines Hundes zu kontrollieren und in Relation zu anderen zu setzen – und weiß dadurch, wo ggf. noch „Nachholbedarf“ ist. Ohne den „Druck“, dass der Hund beispielsweise bei der Prüfung bei Fuß laufen soll, würden viele diese Übung schleifen lassen… so hat man einen guten Grund, jeden Tag zu üben. Das ist sowohl für den Hundeführer als auch für den Hund, der von Natur aus lernen will, ein großer Vorteil.

  1. Prüfungen und Praxis ergänzen sich

Manch einer hat wohl die merkwürdige Vorstellung, Prüfungshunde werden nur für die Prüfung aus der Box geholt… dabei wechselwirken Prüfung und Praxis ständig miteinander. Wie alles im Leben ist die Anzahl der Wiederholungen entscheidend. Ein Hund, der es gewöhnt ist zu Stöbern und auch schon mit seinem Führer zusammen oftmals Beute gemacht hat, wird auch in einer Prüfung diese Leistung gezielt abrufen können. Er ist dann derjenige, der gerade bei schwierigen Bedingungen „die Nase vorne hat“ – und im Gegensatz zu einem Hund, der sich bei der Disziplin nur auf seine Anlagen berufen kann, hat er die Erfahrung auf seiner Seite. Hunde, die auf großen internationalen Prüfungen die ersten Plätze belegen, müssen also zwangsläufig viel Jagen. Wer behauptet, dass er beispielsweise mit seinem Hund keine Schweißprüfung machen kann, weil der Hund in der Praxis so viele Nachsuchen macht, dass er eine künstliche Fährte nicht mehr annimmt, der hat eins nicht verstanden: Schweiß ist eine Gehorsamsleistung wie Sitz oder Ablegen! Es sagt ja auch keiner in der Prüfung: Sorry, mein Hund ist es gewohnt in der Praxis auf Waldboden abzulegen, der legt sich nicht auf einen Weg. Ablegen ist Ablegen, egal wo und auf was!

  1. Prüfungen machen Spaß!

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Jagd und die Hundehaltung heutzutage eine Freizeitbeschäftigung. Wir tun das was wir tun, weil wir Spaß daran haben. Und viele Menschen haben eben Spaß an der Hundeausbildung und an Prüfungen. Auch wenn keine Zuchtambitionen da sind, möchten viele Jagdhundehalter ihre Hunde trotzdem auch jenseits der Brauchbarkeit weiterführen – weil sie die Leistung ihres Hundes ausloten möchten, weil sie Ehrgeiz haben, weil sie die Gemeinschaft schätzen. Wer schon mal auf einer internationalen Prüfung einen Hund geführt hat weiß: Es macht eine große Freude, mit „Gleichverrückten“ ein paar Tage lang gemeinsam zu arbeiten, sich aneinander zu messen und natürlich dann auch die Erfolge zu feiern. Nirgendwo knüpft man leichter Kontakte zu anderen Führern und kann auch mal „über den Tellerrand“ schauen: Wie bilden andere aus, wie arbeiten ihre Hunde, wie wird Jagd in anderen Ländern betrieben. Diese länderübergreifende Gemeinschaft zu stärken ist gerade in Zeiten von Jagdgegnern ungemein wichtig!

Also, lasst euch eure Freude an der Hundeausbildung und an Prüfungen nicht von einigen wenigen „Nörglern“ vermiesen! In diesem Sinne wünsche ich schon mal ein erfolgreiches Jahr 2018!

2 thoughts on “Warum prüfen wir eigentlich?

  1. Bin voll der Meinung des Autors – auch, und vor allem, sollen Prüfungen Spaß machen. Und da hapert es manchmal, weil Kandidaten den Ehrgeiz vor den gemeinsamen Spaß stellen. Habe schon einige male von Teilnehmern aus D Erstaunen über den lockeren und freundlichen Umgang der österreichischen Kandidaten miteinander gehört.

  2. Ein guter sachlicher Artikel der die Sache m.E. auf den berühmten Punkt bringt. Eine grössere öffentliche Verbreitung wäre sinnvoll und würde vielleicht den Einen oder Anderen zum Umdenken bringen.
    Ich bin selbst -als Erstlingshundeführer seit einem guten Jahr- mitunter solchen Diskussionen ausgesetzt gewesen bis zu der Frage, ob die Ahnentafel nicht langsam voll mit Stempeln der Prüfungen sind.

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